Ein skuriller Liederabend

Wer kennt sie nicht, die oft ungeliebten Familienfeiern. Schon im vornherein graut es einem vor den Marotten und kleinen Gemeinheiten der Verwandtschaft. Man sucht wochenlang verzweifelt nach Gründen zum absagen, aber ist die Familie nicht eigentlich das wichtigste im Leben? Diese Thematik haben sich Lutz Hübner und Franz Wittenbrink zum Anlass genommen um den schrillen und turbulenten Liederabend “Familienbande” zu inszenieren (Regie: Franz-Joseph Dieken). Die Bühne der Hamburger Kammerspiele wurde umdekoriert zu einem dunkel vertäfelten Hinterzimmer einer Gaststätte. Hier sollte Opas 80. Geburtstag gefeiert werden, zusammengetragen von einem 8köpfigen Ensemble. Eingeladen: die strenge Oma und Ihre yogasüchtige Tochter Johanna (Caroline Kiesewetter hier in einer Doppelrolle) mit ihrer zurückhaltenden Tochter Helena (Jasmin Wagner), Onkelt Albert (Tim Grobe) mit seiner ganz in pink gekleideten Tochter Polly (Anne Wiese), seine blond gelockte Schwägerin (Katharina Abt) mit der stimmgewaltigen Tochter Nele (Alice Wittmer) sowie Nachwuchsrapper und Cousin Julius (Ben Knop). Auch mit von der Partie: Neles Freund (Julian Sengelmann) sowie ein “Alleinunterhalter aus dem Osten” am Piano (Fabian Schubert), der die Ein-Mann-Kapelle gibt. Kaum trifft die Verwandtschaft nach vermutlich langer Zeit mal wieder aufeinander, läuft auch schon alles aus dem Ruder. Wirklich “feierlich” würde diese Feier nicht mehr werden. Die Schwägerinnnen attackieren einander, der Nachwuchs zickt und streitet, die Oma wird um 120.000 Euro angepumpt. Die Konflikte und Emotionen werden in einer Reihe international bekannter Lieder zum Ausdruck gebracht, angereichert mit schrillen Operngesängen, bei denen sich vor allem das ältere Publikum die Ohren zuhält. Musikalisch herausragend sind vor allem Tim Grobe, der den Song “I need a Dollar” von Aloe Blacc zum Besten gibt sowie Julian Sengelmann an der Gitarre mit einer tollen Version von Tim Bentzkos Hit “Nur noch kurz die Welt retten”. Auch hervorragend: Ex-Blümchen Jasmin Wagner. Diese begeistert als verklemmte Brillenschlange, in dem sie eine sexistisch angehauchte Cheerleader-Performance aufs Parkett legt. Auch mit ihrer Interpretation des “Grotesksongs” der Ärzte legt sie eine einwandfreie Show hin. Leider wirkt der restliche Abend viel zu überdreht, so dass kein stimmiger Gesamteindruck entstehen kann. In einigen Szenen spielen die Darsteller viel zu aufgekratzt und albern, fast schon peinlich. Viele Schwulenwitze und Kraftausdrücke verschrecken einen großen Teil des Publikums. Viele Zuschauer verlassen das Theater frustriert und enttäuscht. Den Stimmen nach zu urteilen halten sie das Stück für inhaltslos bzw. nichtssagend. Schade, denn an der Qualität der Schauspieler hat dies sicherlich nicht gelegen.

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